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Auf dem Weg in die Zukunft: Eine Tagung in Berlin beschäftigte sich mit der Lage der Russlanddeutschen

22.12.2015

Alexander Solschenizyn soll auf die Frage nach der Zukunft der Russlanddeutschen einmal schroff geantwortet haben: Die liege allein in Deutschland. Mit diesem Zitat eröffnete der Moderator Victor Dönninghaus ein Gespräch zur Situation der in Deutschland lebenden Russlanddeutschen. Die Zahlen geben Solschenizyn recht: knapp 3 Millionen Russlanddeutsche leben dort, während noch gut eine halbe Million in Russland zu Hause ist. Die Übersiedlung und das Nachholen von Lebenspartnern ist zuletzt 2015 noch einmal vereinfacht worden. 

„Die Zahl der Aussiedler pro Jahr ist stark zurückgegangen“, schränkte der russische Botschafter Wladimir Grinin ein. „Heute kommen nur noch einige Tausend Menschen im Jahr.“ Auch verwies er auf die noch immer existierenden Schwierigkeiten – bei der Anerkennung von Diplomen, Zeugnissen oder dem Rentenausgleich.

Rund hundert Teilnehmer lauschten den Vorträgen und Diskussionsrunden der Tagung „70 Jahre nach Kriegsende. Russlanddeutsche gestern und heute“, die am 7. und 8. Dezember mit der Unterstützung des Innenministerium und des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, stattfand. Anlass war der Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, eine Wegmarke für die Russlanddeutschen, im nächsten Jahr folgt der 75. Jahrestag der Vertreibung. Trotz des historischen Rahmens stand die aktuelle Situation im Fokus. Immer wieder versuchte man, einen großen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen.

Das 20. Jahrhundert, sagte etwa Hartmut Koschyk, sei das Jahrhundert der Vertreibungen gewesen. „Auch im 21. Jahrhundert scheint das nicht anders zu werden.“ Die Verbindung zwischen den Erfahrungen der Russlanddeutsche und der Flüchtlingskrise wurde von vielen Referenten hergestellt. „Die Russlanddeutschen können die Lage der Bürgerkriegsflüchtlinge nachvollziehen“, sagte er Koschyk und empfahl sie als sensible Pädagogen.

Matthias Weber, Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, spricht von der jahrelangen gesellschaftlichen Stigmatisierung der Russlanddeutschen. „Mittlerweile hat sich das ins Gegenteil verkehrt“, sagt Weber. Russlanddeutsche gelten heute als Musterbeispiel der Integration. Der Beweis: ein Titel der „FAZ“ aus diesem Jahr: „Es waren einmal drei Millionen“. 

Jene „gute Integration“, die meist an der Unsichtbarkeit gemessen wird, birgt für die Gruppenidentität indes Risiken. Sprachkenntnisse nehmen ab, Infrastruktur fehlt. In Berlin etwa gibt es nur zwei Gymnasien, die Russisch als zweite Fremdsprache lehren. Katharina Neufeld, Leiterin des Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold, sprach über die zwiespältige Rolle der Erinnerung – zwischen Notwendigkeit an Flucht und Deportation zu erinnern und die Bedürfnisse der neuen Generation zu bedienen, die sich nicht mehr als „Leidensgemeinschaft“ empfindet. „Wir sollten froh sein, dass wir im 21. Jahrhundert leben“, sagt sie.

Und so zeigte sich: Das Thema des Ankommens ist immer noch ein Aktuelles. Vielleicht ist es auch aktueller denn je – schließlich sitzen gerade die Russlanddeutschen zwischen den Stühlen. „Wir wissen, dass das sehr schnell gehen kann“, sagte der Vorsitzende der Landsmannschaften der Deutschen in Russland, Waldemar Eisenbraun.
Es zeigte sich aber auch Unzufriedenheit über die eigene Situation bei den Teilnehmern. Ein Herr etwa, der in einer emotionalen Rede die fehlende politische Unterstützung anprangerte und nach Rehabilitierung – „Kaliningrad ist deutsches Territorium“ – verlangte, bekam langen Applaus. „Ich habe es nicht verstanden“, antwortete Russlands Botschafter in Berlin, Wladimir Grinin, kühl. „Möchten Sie zurück nach Russland?“ Und auch die deutschen Vertreter grenzten sich ab. 

Dann verwies Grinin auf die Fortsetzung der Gespräche zwischen Hartmut Koschyk und seinem russischen Kollegen, dem neu ernannten Leiter der russischen Föderalen Agentur für Nationalitätenangelegenheiten, Igor Barinow, über die deutsche Minderheit in Russland geben. Auf Grinins Vermittlung hin treffen sich beide demnächst erstmals. Der Dialog jedenfalls geht auch auf der offiziellen Ebene weiter.

Sonja Vogel
Moskauer Deutsche Zeitung


Früher zum Thema: 

Podiumsdiskussion „Russlanddeutsche in Deutschland – Herausforderungen und Ziele“
09.12.2015

Im Rahmen der Veranstaltung „70 Jahre nach Kriegsende – Russlanddeutsche gestern und heute“, die von der Deutschen Gesellschaft e.V. in Kooperation mit der Vertretung des Freistaates Thüringen beim Bund, des Bundesministeriums des Innern und der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland organisiert wurde, nahm der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, nach seinem einleitenden Grußwort an der Podiumsdiskussion „Russlanddeutsche in Deutschland – Herausforderungen und Ziele“ teil.



 

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